Zwangsstörungen
Verbreitung
Ursachen
Diagnose
Differentialdiagnose
Behandlung
Zwangsstörungen (engl. Obsessive compulsive disorder, OCD) sind
psychische Störungen, bei denen sich den Patienten Gedanken und Handlungen
aufdrängen, die als quälend empfunden werden oder umgesetzt werden müssen, auch
wenn sie übertrieben oder vollkommen sinnlos sind. Die Erkrankten erkennen dies
zwar meistens, können sich darüber aber nicht hinwegsetzen.
Obwohl bei den Zwangsstörungen auch Ängste eine Rolle spielen, zählen sie nicht
zu den Angststörungen im engeren Sinne. Es bestehen wesentliche Unterschiede
zwischen einer Zwangsstörung und einer zwanghaften Persönlichkeitsstörung.
Symptome und Beschwerden
Zwangsstörungen sind durch wiederkehrende Zwangsphänomene gekennzeichnet. Dabei
kann es sich um Zwangsgedanken oder Zwangshandlungen handeln. Zwangsgedanken
sind Ideen, Vorstellungen oder Impulse, die sich dauernd wiederholen, quälend
sind und nicht durch Willensanstrengung beeinflusst werden können.
Zwangshandlungen sind Stereotypien, die ständig wiederholt werden müssen.
Typische Beispiele sind der Waschzwang, Kontrollzwang, Zwangsgedanken, magisches
Denken und der Ordnungszwang. Diese zwanghaften Gedanken und Handlungen bedeuten
einen hohen Zeitaufwand und behindern den Alltag erheblich.
Bei Zwangsgedanken geht es meistens um angstvolle Gedanken und Überzeugungen,
jemandem zu schaden, in eine peinliche Situation zu kommen oder ein Unheil
anzurichten. Thematisch geht es häufig um Schuld oder Verunreinigung.
Zwangshandlungen bestehen dementsprechend oft aus Kontrollhandlungen oder
Reinigungshandlungen. Ein Beispiel ist der Waschzwang. Zwangsstörungen können so
stark ausgeprägt sein, dass eine normale Lebensführung unmöglich ist.
Die Erkrankung beginnt meist im Jugend- oder frühen Erwachsenenalter vor dem 30.
Lebensjahr, meist langsam zunehmend und sich dann stetig verschlimmernd. Ohne
wirksame Therapie verläuft sie zu zwei Dritteln chronisch, zu einem Drittel
schubweise mit akuten Verschlechterungen unter besonderen Belastungen.
Verbreitung
Fast ein Prozent der Bevölkerung leidet an einer behandlungsbedürftigen
Zwangserkrankung. Frauen scheinen genauso häufig betroffen zu sein wie Männer.
Während zu Beginn der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts die Prävalenz der
Zwangsstörung in den USA noch auf weniger als 0,05 % der Bevölkerung geschätzt
wurde, konnte erst durch zwei große Studien, zunächst "Epidemiologic Catchment
Area", dann "National Comorbidity Survey" (und deren Nachfolgestudien) gezeigt
werden, dass die Störung tatsächlich 50 bis 100 Mal häufiger vorkommt und mehr
als 2 % der Bevölkerung betrifft.
Begleitend leiden viele Menschen an Ängsten und Depressionen. Andere Krankheiten
werden als so genannte Zwangsspektrum-Krankheiten in die Nähe der Krankheit
gebracht, wie u. a. Essstörungen, Tic-Störungen, das Tourette-Syndrom und die
Spielsucht.
Reine Zwangsgedanken können auch in Zusammenhang mit postpartalen Depressionen
und/oder postpartalen Psychosen auftreten. In der Regel fürchtet die Mutter, sie
könne das Neugeborene gegen ihren Willen schädigen.
Ursachen
Eine einzige auslösende Ursache kennt man nicht. Wahrscheinlich ist eine
Kombination von Veranlagung, Hirnstoffwechselstörungen und seelischen Ursachen
für das Entstehen einer Zwangsstörung verantwortlich. Nachweisbar sind z. B.
Veränderungen im frontalen Cortex betroffener Patienten. Die Biopsychiatrie
betrachtet die Zwangsstörung als ausschließlich genetisch bedingt und/oder als
Folge krankhafter biochemischer Prozessen im Gehirn.
Zwangsstörungen werden dagegen in der analytisch orientierten Psychologie
oftmals auch als eine partielle Rückentwicklung zum kindlichen Egozentrismus
angesehen. Leider konnte die psychoanalytische Schule bei der Therapie der
Zwangskrankheiten keine nennenswerten Erfolge erzielen. Der Zwangsgestörte hat
allerdings durchaus einen krankhafteren Zustand als ein gesundes, egozentrisches
Kind. So kennen viele Kinder Rituale, die ihnen Glück bescheren und Pech
abwehren sollen - gelingt das Ritual, ist das Kind zufriedengestellt bis
euphorisch und zuversichtlich. Erlangt man aber durch die Rituale keine
seelische Sicherheit mehr und steigert man sogar immer weiter die Wiederholung
des Rituals, damit der gefühlte Zustand lediglich nicht schlimmer wird, ist ein
krankhafter Zustand erreicht. Die Zusammenhänge zwischen kindlichem
Egozentrismus und Zwangsstörungen bleiben aber ungeklärt und sehr spekulativ.
Eine weitere, von Salkovskis vorgeschlagene Theorie zur Entstehung von
Zwangsstörungen geht davon aus, das Zwangsstörungen durch die negative Bewertung
von sich aufdrängenden Gedanken, die auch bei gesunden Menschen von Zeit zu Zeit
auftreten, und deren (anschließende) Vermeidung entstehen. Die Vermeidung der
auftretenden Gedanken kann kognitiv oder verhaltensmäßig geschehen: Entweder
wird versucht, die Gedanken zu unterdrücken oder sie durch Handlungen zu
"neutralisieren" (bspw. bei Angst vor Kontaminationen durch Händewaschen). Beide
Vermeidungsreaktionen führen jedoch nicht zu den erwünschten Effekten: Die
Neutralisierungshandlung führt nur kurzfristig zu einer Erleichterung, da die,
das Verhalten auslösenden Gedanken, sich weiterhin aufdrängen. Jedoch hat die
Person gelernt, das sie sich durch die Handlung, wenn auch nur kurzfristig,
Erleichterung verschaffen kann. Das Verhalten wird somit negativ verstärkt.
Gedankliches Unterdrücken, andererseits, hat einen paradoxen Effekt: Durch das
aktive Unterdrücken verstärken sich die Gedanken noch.
Andere Theorien sehen einen Zusammenhang zwischen Zwangsstörungen und Ängsten.
Diagnose
Gemäß ICD-10, Code F42, gelten folgende diagnostischen Leitlinien:
- Die Zwangsgedanken oder zwanghaften Handlungsimpulse müssen vom Patienten als
seine eigenen erkannt werden.
- Mindestens gegen einen Zwangsgedanken oder gegen eine Zwangshandlung muss der
Patient noch Widerstand leisten.
- Der Zwangsgedanke oder die Zwangshandlung dürfen nicht an sich angenehm sein.
- Die Zwangssymptome müssen sich in unangenehmer Weise wiederholen.
Differentialdiagnose
- Die Unterscheidung von der Depression kann schwierig sein, weil die beiden
Störungen oft gemeinsam auftreten. Beide Störungen gehen mit (reversiblen)
Veränderungen im Hirnstoffwechsel einher, insbesondere im System der
Neurotransmitter. Dennoch sind die Symptome klar trennbar.
- Gelegentliche Panikattacken oder leichte phobische Symptome sind mit der
Diagnose vereinbar.
- Zwangssymptome bei Schizophrenie, beim Gilles-de-la-Tourette-Syndrom und bei
organischen psychischen Störungen werden nicht als Zwangsstörung
diagnostiziert, sondern als Teil der entsprechenden Störungsbilder betrachtet.
Behandlung
Mit der Verhaltenstherapie steht mittlerweile ein effektives
psychotherapeutisches Behandlungsverfahren zur Verfügung. Andere
Psychotherapieformen sind bei dieser Erkrankung nicht so wirksam und eine frühe
effektive verhaltenstherapeutische Behandlung sollte nicht verzögert werden,
weil eine Behandlung zu Beginn der Störung erfolgsversprechender ist. Bei der
Verhaltenstherapie von Zwangsstörung wird das Verfahren der Reizexposition (cue
exposure) mit Reaktionsverhinderung eingesetzt. Dieses Verfahren besteht aus
zwei Komponenten: 1. Die Klienten müssen sich den Faktoren aussetzen, die
normalerweise Zwangsgedanken bei ihnen auslösen. 2. Sie müssen dies unter
Bedingungen tun, die sie daran hindern, auf diese Zwangsgedanken mit der
Durchführung der entsprechenden Zwangshandlung zu reagieren. Die Kognitive
Verhaltenstherapie stellt darüber hinaus die Zwangsgedanken infrage, und
arbeitet mit der Technik des Gedankenstopps.
Zur Standardtherapie der Zwangstörung (besonders in der akuten Phase) gehört
auch eine medikamentöse Behandlung über längere Zeit mit Wirkstoffen, die die
Aufnahme des Botenstoffs Serotonin im Gehirn verhindern - u. a. Clomipramin,
Fluvoxamin, Fluoxetin. Die medikamentöse Therapie ist, ergänzend zur
Verhaltenstherapie, sehr empfehlenswert und kann die Symptome deutlich
reduzieren.
Bei optimaler Therapie ist eine Besserung der Beschwerden und des Verlaufs in
den meisten Fällen zu erwarten. Eine vollständige Heilung ist nur selten zu
erreichen, eine stabile Remission ist jedoch fast immer möglich. Das Absetzen
der Medikamente führt in einer hohen Prozentzahl der Fälle zu einem Rückfall.
Auch hier kann eine Verhaltenstherapie auffangen.
Nehmen
Nehmen Sie niemals Medikamente
(Heilkräuter eingeschlossen) ohne Absprache mit Ihrem Arzt oder Apotheker ein!
Psychische Störungen
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Ihren Arzt oder Apotheker. Nehmen Sie Medikamente nicht ohne Absprache mit einem
Arzt oder Apotheker ein.
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