Essstörungen
Hauptformen
Ess-Sucht
Magersucht
Ess-Brech-Sucht
Pica-Syndrom
Orthorexia_nervosa
Anorexia_athletica
Therapie
Essstörung
Medizinische_Einordnung_und_Forschung
Diagnostik
Kategorisierung
Häufigkeit
Geschichte
Kulturgeschichte,_Literatur_und_moderne_Medien
Mit Essstörung bezeichnet man eine Verhaltensstörung mit meist
ernsthaften und langfristigen Gesundheitsschäden. Zentral ist die ständige
gedankliche und emotionale Beschäftigung mit dem Thema „Essen“. Sie
betreffen die Nahrungsaufnahme oder deren Verweigerung und hängen mit
psychosozialen Störungen und mit der Einstellung zum eigenen Körper zusammen
(Psychosomatik). Wenn die Störung zwanghaft ist, spricht man von Sucht oder
Abhängigkeit.
psychologische Wirkmechanismen
Bei allen Essstörungen handelt es sich um Sucht-Mechanismen oder Abhängigkeit
(Medizin). Obwohl der Begriff „Sucht“ nicht von „suchen“ kommt, steht
psychologisch hinter der Sucht immer eine stellvertretende Suche nach Beziehung,
Liebe, Glück, Kontakt, Lust, Zufriedenheit usw., die natürlich auf diesem Weg
erfolglos bleibt. Im Wesentlichen handelt es sich um eine Ersatzhandlung, bei
der die geistige und emotionale Energie auf die Auseinandersetzung mit dem
Suchtmittel gerichtet ist. Die Notwendigkeit menschlicher Kontakte und oft auch
die Anforderungen des Alltags werden missachtet. Bei den Essstörungen ist das
Suchtmittel weniger die Nahrung an und für sich, sondern die Beschäftigung mit
Ernährung und dem eigenen Körperbild. Wie bei allen Süchten sind die Suchtmittel
veränderlich und die vielfältigen Formen der Essstörung können ineinander
übergehen und sich vermischen.
Hauptformen
Die bekanntesten, häufigsten und anerkannten Essstörungen sind die unspezifische
Ess-Sucht, die Magersucht (Anorexia Nervosa), die
Ess-Brech-Sucht (Bulimia nervosa) und die Fressattacken (englisch
„Binge Eating“). Die einzelnen Störungen sind nicht klar gegeneinander
abgrenzbar. Oft wechseln die Betroffenen von einer Form zur andern und die
Merkmale gehen ineinander über und vermischen sich. Zentral ist immer, dass die
Betroffenen sich zwanghaft mit dem Thema Essen beschäftigen. Bei allen chronisch
gewordenen Essstörungen sind lebensgefährliche körperliche Schäden möglich
(Unterernährung, Mangelernährung, Fettleibigkeit). Frauen sind verstärkt
betroffen. Bei ihnen treten auch Störungen im Menastruationszyklus auf, bis zum
totalen Aussetzen der Menstruation (Amenorrhoe).
Die Übergänge zwischen „normal“ und „krankhaft“ sind von vielen Faktoren
abhängig. Ein Mensch, der aus religiösen oder ideologischen Gründen besondere
Ernährungsformen pflegt oder gar sich selbst kasteit, ist nicht unbedingt
essgestört. Ebensowenig wie jemand, der sich unbekümmert ein Zuviel an Kilos auf
die Rippen isst. Eine Essstörung kann sich jedoch in einem ideologisch
verbrämten Umfeld etablieren oder dadurch aufrecht erhalten werden. Manche
Ess-Süchtige sind körperlich und in ihrem Verhalten völlig unauffällig - die
Sucht spielt sich bei ihnen ausschließlich im Kopf ab.
Ess-Sucht
Ess-Süchtige essen zwanghaft und denken dauernd an „Essen“ und an die
Folgen für ihren Körper. Sie essen entweder zu viel und leiden an Übergewicht
oder Fettleibigkeit, oder sie kontrollieren ihr Gewicht mit komplizierten
Systemen von Essen, Diäten, Fasten und Bewegung.
Ess-Sucht führt häufig zu Übergewicht oder Fettleibigkeit (Adipositas), mit den
zugehörigen gesundheitlichen und sozialen Problemen. Fehlernährung kann zu
zusätzlichen Problemen führen.
Magersucht
Magersucht (Anorexia nervosa) ist durch einen absichtlich selbst
herbeigeführten Gewichtsverlust gekennzeichnet. Durch Hungern und Kalorienzählen
wird versucht, dem Körper möglichst wenig Energie zuzuführen, durch körperliche
Aktivitäten soll der Energieverbrauch gesteigert werden. Die betroffene Person
sieht dabei den eigenen körperlichen Zustand häufig nicht, sie empfindet sich
als zu dick, auch noch mit extremem Untergewicht (Körperschemastörung).
Die Folgen der Magersucht sind Unterernährung, Muskelschwund und
Mangelernährung. Die Langzeitfolgen sind beispielsweise Osteoporose und
Unfruchtbarkeit. 5 bis 15 % der Betroffenen sterben, jedoch meist nicht durch
eigentliches Verhungern, sondern durch Infektionen des geschwächten Körpers oder
Suizid.
Ess-Brech-Sucht
Bei der Ess-Brech-Sucht (Bulimie, Bulimia nervosa) sind die Betroffenen
meist normalgewichtig, haben aber große Angst vor der Gewichtszunahme, dem
"Dickwerden"; man kann das als "Gewichtsphobie" umschreiben. Sie ergreifen
deshalb ungesunde Gegenmaßnahmen wie Erbrechen, exzessiven Sport,
Abführmittelgebrauch, Fasten oder Einläufe. Dadurch kommt der Körper in einen
Mangelzustand und es kommt zu so genannten Ess-Attacken, wobei große
Mengen Nahrung auf einmal verzehrt werden. Neben diesen Heißhunger-bedingten
Fressattacken kommt es noch zu stressbedingten. Das Überessen und Erbrechen wird
häufig als "entspannend" erlebt.
Die Ess-Brech-Sucht kann zu Störungen des Elektrolyt-Stoffwechsels, zu
Entzündungen der Speiseröhre, zu Zahnschäden sowie zu Mangelerscheinungen
führen. Da durch einen gestörten Elektrolythaushalt das Herz angegriffen werden
kann, kann es zu Herzversagen und somit zum Tod kommen.
„Binge Eating“ ist ein neuer Begriff in der Reihe der Essstörungen, der aus den
USA kommt. „Binge“ heißt übersetzt „Gelage“ und wird in den USA üblicherweise im
Zusammenhang mit Alkoholmissbrauch verwendet. Die damit angedeutete Nähe zu
Suchterkrankungen drückt sich in der Verwendung des Begriffes für eine bestimmte
Form der Essstörung aus, nämlich „Essattacken“. Von „Binge Eating“ wird dann
gesprochen, wenn mindestens sechs Monate hindurch an zumindest zwei Tagen pro
Woche eine Anfall von Heißhunger auftritt, bei dem in kürzester Zeit
ungewöhnlich große Mengen an Nahrungsmitteln aufgenommen werden. Eine Kontrolle
über die gegessene Menge gibt es nicht. Außerdem müssen mindestens drei der
folgenden sechs Kriterien zutreffen:
- essen, ohne hungrig zu sein
- besonders schnelles Essen
- essen, bis ein unangenehmes Gefühl einsetzt
- es wird allein gegessen, um Gefühle von Schuld und Scham zu vermeiden
- die Ess-Anfälle werden als belastend empfunden
- nach dem Ess-Anfall treten Gefühle von Ekel, Scham oder Depressionen auf
Die auf recht kurze Zeitspannen beschränkten Essattacken unterscheiden BED
(Binge Eating Disorder) von Adipositas, und die ausbleibenden Maßnahmen, eine
Gewichtszunahme durch Erbrechen, Intensivsport oder Fasten zu verhindern, von
der Bulimie
Pica-Syndrom
Das Pica-Syndrom (auch: Picazismus) beschreibt ein seltenes, wenig
bekanntes Krankheitsbild, bei dem Menschen ungewöhnliche und ausgefallene Dinge
essen, wie zum Beispiel farbige Papierschnipsel, Gartenerde, Ton oder Kreide.
Darunter fallen auch Dinge, die bei anderen Menschen Ekel hervorrufen können,
wie beispielsweise Exkremente (Koprophagie). Diese Essstörung kommt häufiger bei
Menschen mit geistiger Behinderung oder Demenz vor. Bei kleinen Kindern ist
zunächst einmal von einem bloßen Ausprobierverhalten auszugehen, bei dem
buchstäblich alles in den Mund genommen wird. Erst dann, wenn es häufig und
offenbar absichtsvoll gewollt zu unterschiedslosem Aufessverhalten kommt,
besteht möglicherweise Anlass, ein Pica-Syndrom anzunehmen.
Es kann dabei unter anderem zu Vergiftungen, Unterernährung oder Verstopfung
führen. Auch bei sonst harmlosen Materialien kann es zu Infektionen oder
Vergiftungen kommen.
Orthorexia nervosa
Orthorexia nervosa bedeutet krankhaften „Gesund“-essen. Betroffene
verbringen mehrere Stunden täglich damit, zwanghaft Vitamingehalt und Nährwerte
zu berechnen und Lebensmittel auszuwählen, wobei sich die Auswahl der
„erlaubten“ Lebensmittel immer mehr verringert. Folgen sind Unter- und
Mangelernährung und Soziale Isolation. Die Betroffenen zeigen oft vor
Lebensmitteln, die sie für ungesund halten, Angst, die manchmal auch wahnhafte
Formen annehmen kann.
Anorexia athletica
Durch übermäßigen Sport und den damit verbundenen Kalorienverbrauch versuchen
die Erkrankten, an Gewicht zu verlieren. Diese Störung ist als Sport-Sucht
bekannt und wird als Begleitstörung einer Ess-Sucht beobachtet. Als
eigenständiges Krankheitsbild ist sie nicht anerkannt.
Therapie
Essstörung
Zur erfolgreichenden Therapie ist meist eine mehrwöchige Arbeit in einer
Spezialklinik für Essstörungen oder einer Sucht-Klinik erforderlich (siehe
detailliert in Psychosomatische Klinik), ergänzt durch regelmäßige langjährige
Mitarbeit in einer Selbsthilfegruppe (Overeaters Anonymous).
Übergewicht und Untergewicht
Über- oder Untergewicht sind eigenständige Krankheitsbilder und in über 95 %
aller Fälle die Folge einer falschen Energiebilanz als Verhältnis von Essen und
Bewegung. Zur Therapie siehe: Adipositas, Ernährungsumstellung und
Ernährungslehre.
Medizinische Einordnung und Forschung
Diagnostik
Die Diagnostik der Störungen erfolgt durch Interview mit dem Patienten und über
Fragebögen. Unter- und Übergewicht und Adipositas werden mit dem BMI und anderen
Kennzahlen gemessen.
Kategorisierung
Krankheiten werden im deutschsprachigen Raum nach den diagnostischen Leitlinien
der ICD-10 kategorisiert. ICD-10 ist eine beschreibende Sammlung von Symptomen
und hat wenig mit dem Stand der Forschung und klinischer Theorie zu tun.
Essstörungen sind dort nur teilwese beschrieben: Im Kapitel sind nur die Bulimie
und die Anorexie eindeutig erfasst. Die meisten Patienten zeigen
Verhaltensweisen aus verschiedenen Formen der Esstörungen und fallen dadurch
unter „Sonstige Essstörungen“, werden aber der Einfachheit halber unter Bulimie
oder Anorexie verschlüsselt. Ess-Sucht: F50, F50.3, F50.4, F50.8 eingeordnet,
oft in Verbindung mit E66
Magersucht: F50.0, auch in Verbindung mit F50.5
Ess-Brech-Sucht: F50.2, oft in Vebindung mit F50.3 und F50
Binge Eating: in ICD-10 nicht erwähnt, in der amerikanischen DSM-IV
Kandidatenstatus
Alle anderen Störungen werden unter „Sonstige Essstörungen“ F50.8 oder F50.4 und
werden in der Praxis oft durch Kombination mit Schlüsseln anderer Erkrankungen
umschrieben.
Häufigkeit
Da die Formen der einzelnen Essstörungen oft ineinander übergehen und sich
vermischen sind sie schwer zu trennen. Deshalb sind einzelne Zahlen mit Vorsicht
zu betrachten. Hier ein paar Zahlen für Deutschland:
- Magersucht: etwa 100.000 Menschen sind betroffen. 90 % der Betroffenen
sind Frauen zwischen 15 und 35 Jahren. 10 % sind Männer. Essstörungen bei
Männern sind bisher noch wenig erforscht.
- Ess-Brech-Sucht: etwa 600.000 Menschen sind betroffen.
- Binge Eating: etwa 2 % der Bevölkerung ist betroffen, wäre damit die
häufigste Essstörung.
Die Adipositas ist in einem Teil der Fälle Folge einer Essstörung und stellt in
ihrer Gesamtzahl ein weltweit zunehmendes Problem dar. So sprechen die
Weltgesundheitsorganisation und die CDC inzwischen von einer globalen Epidemie
bzw. Pandemie, die ebenso ernst genommen werden sollte wie jede zum Tode
führende Infektionskrankheit. Weltweit leben rund eine Milliarde Menschen mit
starkem Übergewicht (WHO). Sollte sich dieser Trend fortsetzen, wird die Zahl
der übergewichtigen Menschen innerhalb der nächsten 10 Jahren auf 1,5 Milliarden
ansteigen. Die gesundheitlichen und durchaus auch finanziellen und
sozialwirtschaftlichen Folgen von Übergewicht sind enorm.
Geschichte
Hilde Bruch Eating disorders: obesity, anorexia nervosa, and the person
within (1973), war Wegbereiterin psychotherapeutischer Forschung zu
Essstörungen. Seit 1980 gibt es in Deutschland spezifische Sucht-Kliniken und
Selbsthilgegruppen (OA). 1999 wurde in Deutschland die Gesellschaft für
Ernährungsmedizin und Diätetik gegründet.
Kulturgeschichte, Literatur und moderne Medien
Essstörungen spielen in der Erzählkultur eine Rolle, beispielsweise im Märchen
„Der süße Brei“ oder vom Schlaraffenland.
In der Literatur werden sie in Franz Kafkas „Hungerkünstler“ (Anf. 20. Jh.) oder
François Villon's Ballade (Nachdichtung von Paul Zech) mit der bekannten Zeile:
„Vor vollen Tischen muss ich Hungers sterben...“ behandelt. Eine genaue
Schilderung familiärer Bulimie-Wahrnehmungen enthält „Lange Tage“ von Maike
Wetzel. Ulrike Draesner hat 2002 den Roman „Mitgift“ zum gleichen Thema
vorgelegt. Die bekannte klassische Violonistin Midori Goto beschreibt in ihrer
Biografie, wie sie Bulimie überwindet (dt. 2004).
Eine filmische Bearbeitung ist „Das große Fressen“.
Nehmen Sie niemals Medikamente (Heilkräuter
eingeschlossen) ohne Absprache mit Ihrem Arzt oder Apotheker ein!
Psychische Störungen
Achtung - Gesundheitshinweis:
Verwenden Sie diese Informationen nicht als alleinige Grundlage für
gesundheitsbezogene Entscheidungen. Fragen Sie bei gesundheitlichen Beschwerden
Ihren Arzt oder Apotheker. Nehmen Sie Medikamente nicht ohne Absprache mit einem
Arzt oder Apotheker ein.
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Essstörung aus der freien
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